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Ich zögerte (von Nicole Pop)


Nicole Pop

 

Ich zögerte. Der Sprung, die Panik, das Erinnern.

 

Es hat alles mit einem Sprung angefangen. Ins kalte, fast eisige Wasser, im Jänner. Man musste gut schwimmen können, Kondition haben, Mut zeigen. 1000 und eine Nacht, die Nacht der Nächte. Die Nacht, auf die so viele so lange gewartet hatten und die so perfekt werden musste. Man bekommt keine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu hinterlassen.

 

Frost. Je länger man schwamm, je mehr man sich bewegte, je tiefer man tauchte, desto erträglicher wurde es. Mit der Zeit, doch es musste viel Zeit vergehen.

 

Und plötzlich – deine Augen aufgerissen, deine Faust geballt, dein Mund offen. Sie überkommt dich, nimmt dich und alles, was du besitzt. Panik, blank, kälter als all das Wasser. Man sucht vergeblich nach einem Ausweg, verirrt sich, streitet mit sich selbst.

 

Träumst du schon? Geh noch nicht. Wieso bist du gesprungen, wenn du Angst hattest? Verirr dich in mir, das Wasser wird dein Feind. Luft, niemals warst du so dankbar dafür gewesen. Freiheit, Erlösung, Ruhe. Nackte, dunkle Zweige beobachten dich. Du ringst um das Ufer, willst raus, rein ins Warme. Wohin gehen? Was siehst du? Panik?

 

Du hörst die Musik, meinst, ganz, ganz nah zu sein, läufst immer schneller, rastloser, ruheloser. Die Lichter, sie zeigen dir den Prunk an, versprechen dir eine unvergessliche Nacht. Dein erster Eindruck.

 

Wärme. Und doch ist dein Anzug nass, deine Kehle wie zugeschnürt, dein Gesicht blass. Erinnert sich jemand an dich? Jeder lebt seine Nacht, wagt seinen Sprung, zeigt Mut.

 

Weißes Licht, laute Sirenen, die weinende Mutter.

 

Ich zögerte.