Lesezimmer

Mein Sorgenkind (von Kerstin Fischer)


Ein alter Baum steht auf der Weide,
die Äste zu Boden geneigt.
Jahrelang gepeinigt von Wind und Wetter,
trägt er schon lange keine Früchte mehr,
seine Rinde welk und alt,
von tiefen Furchen gezeichnet.

 

Mit seinen tief reichenden Wurzeln verankert
steht er im Schmidatal,
begrenzt von der Schmida, die den Boden mit Wasser speist,
inmitten einer wilden Wiese, durchzogen von bunter Vielfalt.
Die letzten warmen Sonnenstrahlen bemühen
sich, trotz stärker werdenden Windes die Luft zu wärmen.
Während zahllose Wolken den Himmel füllen,
durchbrechen die Vögel die Stille.
Womöglich kündigen sie die Nacht an, die sich unaufhaltsam näher schiebt.
Ich erinnere mich an sie, an Iris, mein Sorgenkind.

 

Vor vielen Jahren kam sie das erste Mal zu mir,
sie kam durch den Wald, wollte den Heimweg abkürzen,
sie war damals noch so klein und doch schon so klug,
ich sah ihre Hände, die zärtlich über das wilde Gras strichen,
beobachtete ihre Bewegungen, wartete.

 

Tatsächlich führte sie ihr Weg zu mir,
ihre zierlichen Finger berührten vorsichtig meinen rissigen Stamm
fast so, als hätte sie Angst davor, etwas zu zerbrechen.
Der Wind fuhr durch ihre schokoladebraunes Haar
und ließ die verfärbten Blätter tanzend zu Boden fallen. 
Der Herbst kündigte sich langsam an.

 

Sie setzte sich auf den Boden, lehnte sich an den Stamm,
die Augen geschlossen, in ihren Gedanken versunken,
verweilte sie eine Zeit.
In der ihre Anwesenheit zu etwas Vertrautem wurde,
bevor sie zu sprechen begann und ihrem Kummer freien Lauf ließ.
Morgen kommt ihr Vater wieder,
er sagt immer, sie würde zu viel denken für ihr Alter, sie würde die Welt ganz anders sehen,
sie glaubt, dass er recht hat möglicherweise.
Ihre Mutter sagt, sie solle sich nicht so viele Gedanken machen.
Sie aber fragte mich, ob das Leben leicht sei,
doch ich wusste es nicht.

 

Als sie ging,
sah ich ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwand.
Und in dem Moment, in dem sie der dunkle Wald zu verschlucken schien,
neigte sich die Sonne endgültig hinter den Horizont,
hinterließ einen endlosen, hellrosa durchzogenen Indigo-Himmel
und senkte die schnell herankommende Nacht über meine Blätterpracht,
unter der ich ihre Einsamkeit zu verstecken suchte.

 

Kennt ein Baum Neugierde? Ich schon.
Kennt ein Baum Sehnsucht? Ich weiß es nicht.
Aber ich hoffe, sie kommt bald wieder,
Iris, mein Sorgenkind.